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NÜRNBERG 2025

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Humans of Nürn­berg

 

Bunt, vielfältig und doch einzigartig - Das sind die Menschen in Nürnberg! Regelmäßig erzählen wir in unserer Reihe #humansofnürnberg eine persönliche Geschichte.

„Ich fin­de gar nicht, dass die Fran­ken so mot­zig oder muf­fe­lig sind, wie es ihnen oft nach­ge­sagt wird. Wie man in den Wald hin­ein­ruft, so schallt es eben her­aus. Wenn man nett zu den Leu­ten ist, sind sie auch nett zu einem, das ist über­all so, auch in Nürn­berg. Ich lie­be die Stadt sehr und füh­le mich super wohl hier! Nürn­berg ist groß genug, aber nicht zu groß. Ich kann hier im Club bis zum Mor­gen­grau­en tan­zen, aber auch in Ruhe die Aus­sicht von der Burg aus genie­ßen. Ich bin mit 23 Jah­ren von Hers­bruck hier­her­ge­zo­gen, habe hier die Mode­schu­le als Mode­schnei­de­rin abge­schlos­sen und bin anschlie­ßend Fri­seur­meis­te­rin gewor­den. Seit ich vor ein paar Jah­ren zum Spaß an einem Wrest­ling-Event (NBG Trash Wrest­ling) teil­ge­nom­men habe, hat sich eine gro­ße Lei­den­schaft ent­wi­ckelt. Als ich mei­nen Eltern erzählt habe, dass ich ger­ne Wrest­ling betrei­ben möch­te, haben sie mich für ver­rückt erklärt. Sie konn­ten nicht nach­voll­zie­hen, war­um ich als Erwach­se­ne anfan­gen möch­te mich zu prü­geln, nach­dem ich doch als Kind behü­tet auf­ge­wach­sen bin. Die Wrest­ling-Schu­le in Heß­dorf ist für mich mei­ne hei­li­ge Hal­le. Hier sind alle gleich, ob ich Fri­seu­rin oder eine Frau in die­ser Män­ner­do­mä­ne bin, inter­es­siert nie­man­den. Man schal­tet völ­lig das Hirn aus und ist ganz bei der Sache. Das habe ich so noch bei kei­nem Sport oder Hob­by erlebt. Ich lebe hier mein inne­res Kind aus, kom­me in Bewe­gung und ich mag es, rich­tig kör­per­lich zu wer­den. Ich lie­be mei­nen Beruf als Fri­seu­rin, aber den gan­zen Tag um den Stuhl her­um­zu­lau­fen ist mir nicht genug. Nach einem Wrest­ling-Trai­ning kommt man vol­ler posi­ti­ver Ener­gie raus, fühlt sich ein­fach stark, als kön­ne einem nie­mand etwas anha­ben. Auch wenn alle sagen, ich hät­te einen Schlag weg, ich möch­te immer bes­ser wer­den und eines Tages viel­leicht sogar pro­fes­sio­nell wrest­len. Das wäre mein Traum.“

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„Seit acht Jah­ren bin ich mit mei­ner Frau ver­hei­ra­tet. Wir leb­ten in Odes­sa, ich war Foto­gra­fin und mei­ne Frau betrieb ein eige­nes Café. Wir hat­ten in der Ukrai­ne im All­tag oft mit Anfein­dun­gen zu kämp­fen, unse­re Freun­de und Fami­li­en wand­ten sich von uns ab, als sie von unse­rer Bezie­hung erfuh­ren und als eines Tages unser Auto in Brand gesteckt wur­de, fasst wir den Ent­schluss irgend­wo­hin zu gehen, wo es siche­rer für uns ist. In Ber­lin kamen wir zunächst bei einem Onkel mei­ner Frau unter, bevor wir als Asyl­be­wer­ber in die Zen­tra­le Auf­nah­me­ein­rich­tung nach Zirn­dorf geschickt wur­den. Für uns war es der schlimms­te Ort auf der Welt. Immer wie­der kamen wir in ver­schie­de­ne Ein­rich­tun­gen, haben in Con­tai­nern, in Kel­lern und in Zel­ten geschla­fen. Wir gaben uns in die­ser Zeit als Schwes­tern aus, da wir mit lau­ter Frem­den, mit Mus­li­men und kon­ser­va­ti­ven Men­schen auf engs­tem Raum zusam­men­leb­ten und uns so siche­rer fühl­ten. Trotz der Schwie­rig­kei­ten, haben wir nie an unse­rer Ent­schei­dung gezwei­felt. Unse­re Hoff­nung auf Frei­heit und Selbst­be­stim­mung hat uns immer vor­an­ge­trie­ben. Ich fin­de es noch immer trau­rig, dass Odes­sa, die­se wun­der­schö­ne Stadt am Meer, in der sich Tou­ris­ten tum­meln, kei­ne siche­re Hei­mat mehr für mei­ne Fami­lie war. Unse­re Toch­ter geht in Nürn­berg in die zwei­te Klas­se und fühlt sich sehr wohl. Sie hat vie­le Freun­de und ist ein fröh­li­ches Kind. Auch mei­ne Frau und ich haben Bekannt­schaf­ten geschlos­sen, die uns schon jetzt sehr ans Herz gewach­sen sind. In Nürn­berg kön­nen wir frei leben, uns ent­fal­ten. Die Men­schen sind offen, herz­lich und hilfs­be­reit. Bald möch­te ich als Foto­gra­fin selbst­stän­dig arbei­ten und im schö­nen Nürn­berg in Ruhe ein ganz nor­ma­les Leben füh­ren. Aber das Meer wer­de ich wohl immer ver­mis­sen.“

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„Es ist schon ver­rückt, wie sich die Wege von Men­schen manch­mal kreu­zen. Ich bin vor fünf Jah­ren über das Eras­mus-Pro­gramm der Euro­päi­schen Uni­on für ein Aus­lands­se­mes­ter nach Irland gegan­gen. Bis dahin habe ich noch bei mei­nen Eltern gewohnt und muss­te plötz­lich zum ers­ten Mal so rich­tig auf eige­nen Bei­nen ste­hen. Über eine Face­book-Grup­pe habe ich nach einem WG-Zim­mer gesucht und so auch mei­ne Freun­din Han­nah ken­nen­ge­lernt. Han­nah war zuvor wäh­rend ihres Deutsch­stu­di­ums wie­der­rum lan­ge Zeit in Bam­berg, wo ich VWL stu­die­re. Damals sind wir uns aber nie bewusst über den Weg gelau­fen. Ziem­lich wit­zig, wenn man bedenkt, dass wir jetzt seit über drei Jah­ren zusam­men sind. Eine Fern­be­zie­hung über eine sol­che Distanz ist zum einen schwie­rig, weil man sich im All­tag nicht sieht und ver­misst, auf der ande­ren Sei­te, ist die Zeit die man gemein­sam ver­bringt umso kost­ba­rer. Da wir uns inner­halb Euro­pas bewe­gen, sind die Flü­ge glück­li­cher­wei­se nicht all­zu teu­er und wir schaf­fen es meist, uns alle drei/vier Wochen zu sehen. Oft fah­ren wir auch gemein­sam in den Urlaub in ganz ande­re Län­der, machen ger­ne Trips mit dem Auto und grö­len zu Rock­songs oder träl­lern Dis­ney-Lie­der auf der Fahrt. Natür­lich möch­te ich nach mei­nem Stu­di­um mei­nen Weg gehen und frei Berufs­ent­schei­dun­gen tref­fen, ein gro­ßes Ziel ist aber, eines Tages im glei­chen Land zu lan­den, egal ob Irland, Deutsch­land oder ein ganz ande­res.“

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“Mei­ne Freun­de und ich blick­ten in unse­rer Jugend immer sehn­süch­tig nach Deutsch­land. Wir träum­ten von der Frei­heit und den Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten, die wir im kom­mu­nis­ti­schen Rumä­ni­en zu Zei­ten Ceau­ses­cus nicht hat­ten. Ich war Eng­lisch- und Deutsch­leh­re­rin und stell­ver­tre­ten­de Direk­to­rin einer Schu­le in Sibiu. Seit dem 12. Jahr­hun­dert lie­ßen sich in Sibiu (dt. Her­mann­stadt) deut­sche Sied­ler nie­der, was bis heu­te die Kul­tur und die Spra­che prägt. Als ich nach dem Sturz des rumä­ni­schen Dik­ta­tors 1989 mit mei­nen bei­den Töch­tern nach Nürn­berg zog, such­te ich als Allein­er­zie­hen­de einen Job, der uns finan­zi­el­le Sicher­heit bot. Ich schrieb dut­zen­de Bewer­bun­gen, als Über­set­ze­rin, Assis­ten­tin, Mit­ar­bei­te­rin in der Ver­wal­tung. Bei mei­nem ers­ten Bewer­bungs­ge­spräch wur­de ich zum Geschäfts­füh­rer eines mit­tel­stän­di­schen Unter­neh­mens in Nürn­berg ein­ge­la­den, um mich als Sekre­tä­rin vor­zu­stel­len. Das Gespräch über die Fir­ma, die Tätig­kei­ten und Erwar­tun­gen an mich lief gut, als der Mann im Anzug einen genau­en Blick in mei­ne Unter­la­gen warf und erstaunt frag­te: „Sie haben an einer Uni­ver­si­tät stu­diert? Aber sie kom­men doch aus Rumä­ni­en, oder nicht?“ Als ich ihn frag­te, war­um er mich zum Gespräch ein­ge­la­den hat­te, wenn er mei­ne Qua­li­fi­ka­ti­on anzweif­le, ant­wor­te­te er, dass er inter­es­siert war, wie „so eine Per­son“ tat­säch­lich sei. Er ken­ne Rumä­nin­nen nur als Haus­halts­hel­fe­rin­nen oder Pfle­ge­rin­nen und woll­te sehen, was hin­ter der Bewer­bung ste­cke. Er zeig­te sich über­rascht, dass man sich auf intel­lek­tu­el­lem Niveau unter­hal­ten kön­ne. Die Stel­le wur­de mir nie ange­bo­ten, in der Absa­ge stand, ich sei über­qua­li­fi­ziert für Art der Tätig­keit.”

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“Gos­ten­hof war nicht immer das ange­sag­te Vier­tel, das es heu­te ist. Als ich mit fünf Jah­ren mit mei­ner Fami­lie nach Gos­ten­hof kam, leb­ten hier vie­le Leu­te, die wenig Geld hat­ten, Flücht­lin­ge und Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Wenn man hier auf­ge­wach­sen ist, wur­de man täg­lich mit sozia­len Pro­ble­men kon­fron­tiert, Mäd­chen wur­den früh schwan­ger und hin und wie­der lan­de­te jemand, den man kann­te, im Gefäng­nis. Um so wenig Zeit wie mög­lich zu Hau­se bei mei­ner gewalt­tä­ti­gen Mut­ter zu ver­brin­gen, spiel­te ich schon als Kind den gan­zen Tag mit mei­nen Freun­den drau­ßen auf den Stra­ßen. Auch als Jugend­li­che zogen wir durch die Gegend und hin­gen im Jam­nit­zer Park rum, neben uns kon­su­mier­ten Alko­ho­li­ker und Dro­gen­ab­hän­gi­ge. Ein­mal haben wir einen Mann leb­los im Gebüsch lie­gen sehen – ich glau­be er war tot. Das Leben war holp­rig vor­ge­zeich­net und ich dach­te ich wür­de es nie aus die­sem Hexen­kes­sel schaf­fen. Ich konn­te mir vie­le Din­ge nicht leis­ten, wie einen Besuch in einem Café zum Bei­spiel. Mit 13 Jah­ren bin ich von zu Hau­se aus­ge­ris­sen, kam in ein Heim und spä­ter in eine betreu­te Wohn­ge­mein­schaft. Hier gab es Men­schen, die sich um mich geküm­mert haben. In die­sem ruhi­ge­ren Umfeld konn­te ich mich auf die Schu­le und mei­nen Berufs­wunsch kon­zen­trie­ren. Vie­le, die heu­te mei­ne Geschich­te hören, sehen das Hap­py End und roman­ti­sie­ren mei­ne Erfah­run­gen. Ich habe mir mei­nen stei­ni­gen Weg aber nicht aus­ge­sucht. Ich muss­te mich durch­bei­ßen und schon als Kind auf eige­nen Bei­nen ste­hen. Das mag viel­leicht den Cha­rak­ter stär­ken, aber um wel­chen Preis? Heu­te gehe ich oft die Für­ther Stra­ße ent­lang, als Juris­tin habe ich regel­mä­ßig im Jus­tiz­pa­last zu tun. Wenn ich all die aus­ge­las­se­nen Müt­ter in Gos­ten­hof mit­tags im Café in der Son­ne sit­zen sehe, freue ich mich einer­seits, dass mehr Men­schen sich das nun erlau­ben kön­nen ohne den Cent zwei­mal umzu­dre­hen. Ande­rer­seits bedaue­re ich es auch, dass die Zeit ver­ges­sen lässt, wie hart es war hier auf­zu­wach­sen.“

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“So lang­sam kom­men die Leu­te dahin­ter, dass nicht jeder Täto­wier­te zwangs­läu­fig Knas­ti oder See­fah­rer ist. Ich bin täto­wiert, gepierct, ‚sin­ge‘ in einer Metal-Band und dann betrei­be ich auch noch Kampf­sport. Dass ich aber den Groß­teil mei­ner Zeit damit ver­brin­ge, daheim mei­ne Kat­zen zu knud­deln, anstatt Tank­stel­len zu über­fal­len, über­rascht vie­le. Vor­ur­tei­le sind etwas ziem­lich Dum­mes. Das stel­le ich auch immer wie­der fest, wenn ich mit Leu­ten über mei­ne Arbeit spre­che. Ich bin seit vie­len Jah­ren in der Games-Bran­che tätig, war Chef­re­dak­teur eines B2B-Maga­zins und arbei­te nun als Pro­gramm­chef für eine der größ­ten Ent­wick­ler­kon­fe­ren­zen Euro­pas. Gaming ist mei­ne Pas­si­on, seit frü­hes­ter Kind­heit an. Obwohl es sich dabei um eine Mil­li­ar­den-Indus­trie han­delt, sind Spie­le für eini­ge nicht mehr als gewalt­ver­herr­li­chen­des „Gebal­ler“ oder lus­ti­ges „Gehüp­fe“. Games för­dern stra­te­gi­sches Den­ken, sind sozi­al­kri­tisch, immer­siv, kunst­voll und wecken eine brei­te Palet­te an Emo­tio­nen. Ein fes­seln­des Game bringt mich öfter zum Lachen, Wei­nen oder Zit­tern, als so man­cher Kino­strei­fen. Wenn ich spie­le, las­se ich mich nicht nur berie­seln. Ich tau­che pro­ak­tiv in vir­tu­el­le Wel­ten ein, erfor­sche frem­de Land­schaf­ten und mys­te­riö­se Orte, löse Rät­sel und muss mich nicht sel­ten auch mora­li­schen Dilem­mas stel­len: Wie wür­de man in einem Kriegs­sze­na­rio über­le­ben, wem die letz­te Essens­ra­ti­on zutei­len? Fil­me neh­men uns die­se Ent­schei­dun­gen ab. Müs­sen wir sie selbst tref­fen, fühlt sich das mit­un­ter rich­tig mies an, selbst wenn es ‚nur‘ ein fik­ti­ver Umstand ist. Egal, ob Spiel, Film oder Buch: Nicht jedes Werk ist für jeden Rezi­pi­en­ten geeig­net. Ein The­ma, dass sich gera­de Eltern öfter zu Her­zen neh­men soll­ten, anstatt die Ver­ant­wor­tung auf den Gesetz­ge­ber abzu­schie­ben. Eine Form der Igno­ranz, die mich mit­un­ter wütend macht. Und wer weiß, viel­leicht wür­den sie auch ein Spiel fin­den, das ihnen Spaß macht.“

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“Schon als klei­nes Mäd­chen spiel­te ich lie­ber mit Jungs, ich lehn­te es ab, Kleid­chen zu tra­gen und hat­te mit Pup­pen nichts am Hut. Ich war nei­disch auf Jungs und frag­te mei­ne Eltern oft, war­um ich kei­ner sein konn­te. Mei­ne Mut­ter war bestürzt über die­se Fra­gen. Es fühl­te sich immer komisch an, „Cas­san­dra“ genannt zu wer­den und ich hat­te oft das Bedürf­nis mich zu ver­ste­cken. Nach dem Gym­na­si­um bin ich zur Bun­des­wehr gegan­gen. Ich hat­te den Traum Pilo­tin zu wer­den. Nach sechs Jah­ren Dienst­zeit als Offi­zier und vier Aus­lands­ein­sät­zen, wur­de ich vor­zei­tig auf­grund von Krank­heit aus dem akti­ven Dienst ent­las­sen. Eine Welt brach für mich zusam­men. Glück­li­cher­wei­se habe ich es aber auch als Chan­ce erkannt, mich nun optisch zu ver­än­dern. Mit 27 begann ich mein Geschlecht anzu­pas­sen, nahm Hor­mo­ne ein und fühl­te mich von Ope­ra­ti­on zu Ope­ra­ti­on ste­tig woh­ler in mei­nem nun männ­li­chen Kör­per. Tei­le mei­ner Fami­lie muss­te ich auf die­sem Weg zurück­las­sen. Mei­ne Mut­ter kam nie mit mei­ner neu­en Iden­ti­tät zurecht und wir haben so gut wie kei­nen Kon­takt mehr. Ich bin von Anfang an sehr offen mit mei­ner Geschich­te umge­gan­gen, habe mich nie ver­steckt. Mit mei­nem Insta­gram Pro­fil, auf dem ich viel über mich preis­ge­be und Fotos mei­ner Ent­wick­lung pos­te, will ich Mut machen und auf­klä­ren. Ich beant­wor­te aber auch ganz prak­ti­sche Fra­gen zur Funk­ti­ons­wei­se mei­ner Erek­ti­ons­pro­the­se oder zum büro­kra­ti­schen Auf­wand einer Geschlechts­an­pas­sung. Mei­ne Trans­for­ma­ti­on ist sicher­lich eine beson­de­re Geschich­te, ich defi­nie­re mich aber nicht allei­ne dar­über. Leben ret­ten, das ist es, was mich heu­te aus­macht und erfüllt. Zwar wur­de ich nie Pilot, als Not­fall­sa­ni­tä­ter im Ret­tungs­dienst und Pfle­ger auf der Inten­siv­sta­ti­on habe ich aber mei­ne Bestim­mung gefun­den und es inter­es­siert weder die Kol­le­gen noch die Pati­en­ten, wie ich frü­her aus­ge­se­hen habe.”

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“1945 muss­te ich über­stürzt aus mei­ner Hei­mat Tsche­chi­en flie­hen, da ich mit einem deut­schen Sol­da­ten ver­hei­ra­tet war. Mit Hil­fe mei­nes Vaters schlich ich mich mit­ten in der Nacht über die Gren­ze nach Deutsch­land. Ich kam nach Michel­au in Ober­fran­ken und grün­de­te hier mit mei­nem Mann eine Schrei­ne­rei. Der Anfang war für uns sehr schwer, wir muss­ten Tag und Nacht arbei­ten, um das Geschäft am Lau­fen zu hal­ten. Gera­de als der Betrieb erfolg­reich war, starb mein Mann Karl 1968. Ich leb­te noch vie­le Jah­re in unse­rem Haus in Michel­au, bis ich 2005 nach Nürn­berg in den Wohn­stift am Tier­gar­ten kam. Beim Aus­zug aus mei­nem Haus stand ich wei­nend im Hof, als ich zusah, wie das gro­ße Auto mein über­schüs­si­ges Mobi­li­ar zer­klei­ner­te, mei­ne Hab­se­lig­kei­ten ver­la­den wur­den und sich das Haus leer­te. Mei­ne gelieb­ten Fotos habe ich aber in mein neu­es Zuhau­se mit­ge­nom­men. Jetzt bin ich froh, dass es so kam, denn hier zu leben ist sor­gen­frei­er und ich kann mir vie­les leis­ten, was ich mir als jun­ge Frau nicht hät­te ermög­li­chen kön­nen. Kul­tur spiel­te frü­her für mich kaum eine Rol­le. Wir hat­ten so viel mit dem Geschäft zu tun und konn­ten nicht nach Coburg ins nächs­te Thea­ter fah­ren. In den letz­ten Jah­ren ent­deck­te ich aber das gro­ße kul­tu­rel­le Ange­bot in Nürn­berg. Gemein­sam mit einem Freund hier aus dem Wohn­stift besuch­te ich das Thea­ter und die Oper, war bei einer Old­ti­mer-Fahrt dabei und sogar in einer Bur­les­que Show. Im Novem­ber wer­de ich 99 Jah­re alt. Ich den­ke aber nicht über mein Alter nach. Es gibt hier vie­le, die jam­mern jeden Tag über ihre Lei­den. Auch mir tun die Hän­de weh, auch ich sehe schlecht, aber ich den­ke gar nicht dar­über nach – das ist halt so. Ich will noch immer über­all dabei sein, wür­de nie­mals ein Kon­zert mei­ner Enke­lin ver­pas­sen und ich freue mich schon, die­ses Jahr auf der Hoch­zeit mei­ner zwei­ten Enkel­toch­ter zu tan­zen. Mei­ne Fami­lie um mich zu haben, für sie da zu sein, das hält mich jung und gibt mir Kraft.“

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„Seit ich vor ein paar Jah­ren in den Nor­den Nürn­bergs gezo­gen bin, fas­zi­niert mich der St. Johan­nis­fried­hof, nicht nur als Ort der Trau­er, son­dern auch als Ort der Ästhe­tik und Kul­tur. Die Fra­ge, wie wir mit dem Tod und unse­ren Ahnen umge­hen, ist für mich ein sehr wich­ti­ger Aspekt unse­rer Kul­tur und Iden­ti­tät. Dass ich mich mit mei­nem 35 Jah­ren schon so inten­siv mit dem Tod aus­ein­an­der­set­ze, ist sicher unge­wöhn­lich. Mit der Nürn­ber­ger Epi­ta­phien-Stif­tung set­ze ich mich für den Erhalt und die Pfle­ge die­ses ein­zig­ar­ti­gen Ortes ein, an dem Men­schen wie Dürer, Feu­er­bach und Pirck­hei­mer begra­ben wur­den. Als His­to­ri­ker fra­ge ich mich natür­lich beson­ders: Was haben die­se bedeu­ten­den Per­sön­lich­kei­ten dazu bei­getra­gen, das Nürn­berg heu­te ist, was es ist? Was kann uns die­ser Ort auch heu­te noch sagen? Neben Tod und Trau­er sehe hier auch so viel Freu­de und Posi­ti­ves. In der Kir­che fin­den Tau­fen und Hoch­zei­tet statt und auch ich habe hier mei­nen Mann gehei­ra­tet. Mit den lie­gen­den Grab­stei­nen, den kunst­vol­len Epi­ta­phien, den sorg­sam gepfleg­ten Blu­men­scha­len und blü­hen­den Rosen ist der St. Johan­nis­fried­hof auch ein­fach ein schö­ner Ort. In Nürn­berg ist man typi­scher­wei­se sehr beschei­den, macht kei­nen gro­ßen Wind um die Beson­der­hei­ten die­ser Stadt. Ande­re wür­den hier rich­tig ange­ben mit so einem außer­ge­wöhn­li­chen Ort. Ich den­ke, die Kul­tur­haupt­stadt ist eine tol­le Gele­gen­heit, allen Nürnberg*innen aber auch Besucher*innen zu zei­gen, was es hier schon Tol­les gibt und was uns ein­zig­ar­tig macht. Aus unse­rer Ver­gan­gen­heit her­aus kön­nen wir auch etwas Neu­es gestal­ten, das wir noch nie gewagt haben. In mei­nem Alter ist es schick, nach Moder­ni­tät zu stre­ben. Oft sind aber Din­ge, die einem zunächst über­holt und gest­rig vor­kom­men, gar nicht so alt­ba­cken und haben eine gro­ße Bedeu­tung für die Gegen­wart und die Zukunft.“

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